Geheimhaltung und agile Produktentwicklung

Warum übertriebene Geheimhaltung für agile Produktentwicklung schädlich ist

Geheimhaltung ist für jedes Unternehmen wichtig, um Know-how zu schützen. Übertriebene Geheimhaltung kann aber negative Auswirkungen auf die Lernkurve haben, die im Produktmanagement so wichtig ist (siehe hierzu auch unseren Blog-Post „Verschenktes Potential agiler Produktentwicklung“) . Nachfolgend schauen wir uns näher an, wie Geheimhaltung und Lernen im Produktmanagement in die richtige Balance kommen.

Der Weg im Produktmanagement von der ersten Idee zum fertigen Produkt als Basis für ein skalierbares Geschäftsmodell ist komplex und unsicher. Die eine geniale Idee, die nur umgesetzt werden muss, gibt es nicht. Vielmehr taugt die erste Idee meist wenig und ist immer nur der Startpunkt. Der Erfolg hängt von dem Team und dessen Lernkurve ab. Werden zwei Teams zum selben Zeitpunkt mit derselben Idee und denselben finanziellen Ressourcen ausgestattet, so wird das Ergebnis weit auseinanderliegen. In der Praxis ist der Unterschied noch weit höher, denn Unternehmen operieren mit unterschiedlichen Ressourcen und Rahmenbedingungen. Hierzu zwei prominente Beispiele: Die Idee zu Facebook hatten viele gleichzeitig, aber mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Viele andere haben Tablets vor Apple hergestellt, aber erst Apple war wirtschaftlich erfolgreich.

Ideen für neue Produkte sind damit grundlegend anders als technologische Prozessoptimierungen oder andere Informationen wie Kostenstrukturen oder Lieferantenbeziehungen, die in der Regel von der Konkurrenz sofort ausnutzbar sind und damit einen unmittelbaren Wert haben. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, dass Produkte (fast) immer irgendwann an die Öffentlichkeit kommen. Irgendwann werden sie verkauft und können nicht mehr geheim gehalten werden. Selbst wenn Produkte einen größtmöglichen Schutz durch Patente haben, wird zumindest langfristig das Unternehmen gewinnen, das die nachhaltigere und kontinuierlichere Lernkurve hat. Wer nach dem Launch eines Produktes nicht bereit oder in der Lage ist, die Geschwindigkeit zu erhöhen und dauerhaft hoch zu halten, läuft Gefahr abgehängt zu werden – egal wie groß die Geheimhaltung oder der Patentschutz am Anfang war.

Ein häufig übersehener Aspekt, ist, dass eine gezielte Aufhebung der Geheimhaltung Lernen nicht nur ermöglicht, sondern sogar stark beschleunigen kann. Innovationen sind keine Einzelleistungen. Nahezu alle großen (und kleinen) Erfindungen sind das Ergebnis von Netzwerkeffekten. Gerade in unserer heutigen hochspezialisierten Welt kann niemand mehr alle Optionen überblicken, die sich aus einer Verknüpfung verschiedener Technologien oder Geschäftsmodelle ergeben können. Innovation passiert immer als kollektive Leistung in einem Netzwerk. Durch intensiven, gezielten Austausch von Wissen – auch und gerade in einem frühen Stadium – kann es einen exponentiellen Effekt geben. Das Prinzip dahinter beleuchtet zum Beispiel der Innovationsforscher Keith Sawyer in seinem Buch „Group Genius“.

Auch wird die Gefahr eines Ideen-Diebstahls generell stark überschätzt. Der Weg von einer Idee zum Produkt ist teuer! Es gibt kaum zwei Unternehmen, die zur gleichen Zeit dieselbe Idee verfolgen wollen oder können. Hierfür muss nur jeder in sein eigenes Unternehmen schauen: Die eigene Produkt-Roadmap ist historisch gewachsen und übersteigt typischerweise schon alleine die Entwicklungskapazitäten um ein Vielfaches, so dass auch für interessante neue Ideen von außen oft schlichtweg keine Ressourcen vorhanden sind.

Fazit: Geheimhaltung im Produktmanagement allein bietet keinen Schutz vor der Konkurrenz und ist generell nicht so relevant wie in anderen Unternehmensbereichen. Geheimhaltung kann und muss im Zweifel immer zugunsten einer hohen Geschwindigkeit des Lernens und der Umsetzung geopfert werden! Wer früh lernt, ob eine Idee etwas taugt, und dann bei Erfolg noch stärker beschleunigt, ist schwerer wieder einzuholen.

In der Praxis dominiert jedoch vielfach noch das gegenteilige Muster: Projekte werden aus Furcht vor der Konkurrenz sehr lange (sogar auch intern) geheim halten und die Möglichkeit zum Lernen wird zumindest stark begrenzt. Durch das fehlende Lernen ergeben sich schwerwiegende Folgen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein schlechtes Produkt an den Markt kommt, steigt rasant. Zudem werden die insgesamt zur Verfügung stehenden Ressourcen suboptimal eingesetzt und im Zweifel früher als eigentlich möglich von dem Projekt abgezogen, da bereits das nächste wartet. Als Heuristik gilt: Je länger die Phase der strikten Geheimhaltung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Produkt-Projekt scheitert.

Bei all dem gilt natürlich, dass Geheimnisse nicht unnötig nach draußen gegeben werden sollen. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Idee und Produkte in Einzelteilen oder mit Prototypen zu testen, ohne Geheimnisse nach außen zu tragen. Die Gefahr, dass intern ein Mitarbeiter Geheimnisse verrät, ist generell viel, viel größer!

Foto von Ewan Munro auf flickr unter CC Lizenz