Agile Produktentwicklung

Verschenktes Potential agiler Produktentwicklung

Fragt man Produktmanager nach dem Grundprinzip agiler Entwicklung, sollte man in etwa diese Antwort bekommen: Schneide das zu entwickelnde Produkt in möglichst kleine, in sich schon nutzbare und testbare Teile (auch MVP genannt). Stelle diese den Kunden bereits nach und nach (inkrementell) zur Verfügung, um möglichst schnell anhand von Feedback direkt am Produkt zu lernen, ob das Produkt und die Art und Weise der Umsetzung den Kundenbedürfnissen entspricht. Ziel dieser Nutzerzentrierung (User Centricity) ist es, noch während der Entwicklung Eigenschaften und Prioritäten der Produktteile umstellen zu können. Am Ende steht ein Produkt, das die Bedürfnisse der Kunden im Rahmen der gegebenen Kosten- und Zeitgrenzen bestmöglich erfüllt.

Oder: Wenn also unsere agile Oma Berta für ihren lieben Enkel Max einen Pullover zum Geburtstag stricken möchte, prüft sie zunächst, ob der Enkel überhaupt einen Pullover haben möchte (was sich schon mal leichter anhört als es ist), um ihn dann (und zwar nur bei positiver Antwort!) mit ins Strickgeschäft zu nehmen, wo er sich die Wolle und den Schnitt aussuchen kann. Während des Strickens überprüft Oma Berta natürlich in regelmäßigen Abständen, ob ihre technische Umsetzung noch den Vorstellungen des Enkels entspricht, um notfalls Änderungen vornehmen zu können, bevor sie zu viel Arbeit in nicht genehme Eigenschaften des Pullovers steckt und damit ihre wertvolle Zeit verschwendet.

Würde Oma Berta (wie die meisten Omas) nicht agil stricken, dann ist die Wahrscheinlichkeit für eine zufriedene Oma und einen glücklichen Enkel relativ gering: Oma Berta wird nach harter Arbeit feststellen, dass Max viel lieber einen Schaal gehabt hätte, der Pullover überhaupt nicht passt und farblich übrigens auch so gar nicht den Vorstellungen von Max entspricht.

Agile Produktentwicklung sollte also im Wesentlichen drei Grundprinzipien folgen:

  1. Schneide das geplante Produkt in möglichst kleine, in sich schon nutzbare und testbare Teile und stelle diese dem Kunden frühestmöglich zur Verfügung.
  2. Lerne möglichst schnell, ob das Produkt und die Art und Weise der Umsetzung geeignet ist, die Kundenbedürfnisse zu befriedigen.
  3. Setze das Gelernte im Rahmen der gegebenen Kosten- und Zeitgrenzen um.

Was sich so leicht daher sagt, stellt Unternehmen in der Praxis vor große Probleme. Viele Unternehmen, die zum Teil erhebliche Investitionen unternommen haben, um ihre Entwicklung auf „agil“ umzustellen, sind nie über das erste Prinzip hinausgekommen und teilen damit lediglich den großen Wasserfall in viele kleine Wasserfälle ein. Das ist immer noch besser als der große Wasserfall, da sich so zumindest der Scope planbarer an die Zeit- und Kostengrenzen anpassen lässt, aber das wahre Potential agiler Entwicklung, nämlich die Nutzerzentrierung durch schnelles Feedback und letztlich das ganzheitliche Lernen, wird verschenkt.

In der Praxis lassen sich im Wesentlichen fünf Muster für die fehlende Nutzerzentrierung beobachten:

  1. Das Unternehmen will gar nicht lernen.
    Oder: „Ich stricke jedes Jahr einen Pullover und weiß was gut ist, basta!“
  2. Das Unternehmen weiß gar nicht, was es eigentlich lernen will oder wie das funktioniert.
    Oder: „Wie soll ich denn überhaupt feststellen, was der Junge gerne möchte?“
  3. Das Unternehmen traut sich nicht, den Kunden ein „halbfertiges“ Produkt zu zeigen.
    Oder: „Das kann ich dem Jungen doch noch nicht zeigen, das sieht noch nicht vernünftig aus.“
  4. Das Unternehmen möchte zwar lernen, hat aber gar keine Zeit, das Gelernte in der zur Verfügung stehenden Zeit noch umzusetzen, weil schon das nächste Projekt in der Warteschlange steht.
    Oder: „Ich würde zwar noch gerne die eigentlich fehlenden Sterne aufsetzen, die sich Max jetzt so sehr wünscht, muss aber schon den nächsten Schaal stricken, den ich meiner Tochter versprochen habe.“
  5. Das Unternehmen traut sich nicht zu lernen, da das Produkt bis zur Fertigstellung geheim bleiben soll.
    Oder: „Das soll doch eine Überraschung zum Geburtstag werden!“

Für alle fünf Muster kann es in der Praxis gute Gründe geben. Problematisch wird es, wenn diese Muster nicht bewusst angewendet werden, sondern unreflektiert passieren. Unternehmen, die ihre Entwicklung nachhaltig „agil“ gestalten wollen, sollten sich also regelmäßig hinterfragen, ob sie wirklich alle drei Prinzipien der agilen Produktentwicklung beherrschen und wenn nicht: warum?

Photo von Phil Campbell auf flickr unter CC Lizenz